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Seitdem war sie fasziniert von dem Sport,
bei dem die Körper scheinbar schwerelos durch die Luft
fliegen, von der Schnelligkeit und der Eleganz. Tanja
lernte Kungfu und Chinesisch. Dann traf sie Zhang Ling,
der in Freising auf der Hotelfachschule lernte und im Peking
Restaurant arbeitete. Sie verliebten sich. Er, der
Freising langweilig fand und die Deutschen kalt; sie, die
Fernweh hatte und ausbrechen wollte. Sie heirateten, gingen
in seine Heimatstadt Shanghai und zogen mit Lings
Eltern und Großeltern zusammen.
In Shanghai stellte sich Tanja wieder bei einer Agentur
für schöne Menschen vor und einen Monat später war sie
Blaue Augen, blondes Haar – schon ist man in China ein Star
Model wollte Tanja Leinthaler schon in
Deutschland werden. Ohne Erfolg.
In Shanghai klappte es sofort. Sie kam
durch ihren Mann in die Stadt, wo
beide mit seinen Eltern zusammenleben
der neue Star der Modelszene. Sie hat
runde blaue Augen, langes „goldenes
Haar“, wie die Chinesen sagen, ist 1,82
Meter groß, und hat damit alles, was
chinesische Frauen nicht haben. Wovon
sie träumen. Morgen singt sie im
Fernsehen.
Tanja lebt heute wie eine Chinesin.
Die Schwiegermutter ist Judotrainerin,
der Schwiegervater handelt mit
Glühbirnenteilen. Eine typische chinesische
Mittelklassefamilie. Aber anders
als im Westen, sagt Tanja; hier halten
die Familienmitglieder zusammen.
Abends bereitet Tanja gedämpften
Fisch,Tofusuppe und gebratenes Gemüse
für die Familie zu.Alle zwei Stunden
verabreicht sie dem Großvater seine
Augentropfen. Die Familie ihres Mannes
habe sie sofort akzeptiert, sagt sie.
Kein Problem, dass sie Ausländerin ist.
Sie spricht chinesisch, ist mit einem
Chinesen verheiratet – und bleibt im
fast ausländerfreien Stadtteil Baoshan
dennoch ein Fremdkörper, dem die
Nachbarn stumm hinterher schauen. |
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